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„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

In der Welt der Bibel ist die Barmherzigkeit in der Gebärmutter oder in den Eingeweiden angesiedelt – in Regionen also, die dem verstandesmäßigen Kalkül entzogen und eben deshalb zu Mitgefühl, Einfühlung und Empathie fähig sind.

Wer beim Anblick der Kinder in den Flüchtlingslagern von Lesbos und anderswo kühl Nutzen und Kosten kalkuliert, wird von Jesu Anrede unerreicht sein und bleiben. Wer sich aber berührbar zeigt und seine Augen nicht verschließt, für den wird das Leben zwar nicht leichter, dafür wird er aber Gott näherkommen. Das ist die Botschaft der Losung für das Jahr 2021.

 

Der Evangelist Lukas spricht in seiner Feldrede von Barmherzigkeit, Matthäus in der Bergpredigt von Vollkommenheit. Anders als Matthäus geht es Lukas also nicht um die „bessere Gerechtigkeit“ als Sinn und Ziel des Lebens, sondern um die Barmherzigkeit, die zuallererst eine Eigenschaft Gottes ist. Gottes Erbarmen, seine Barmherzigkeit sind die Quelle menschlicher Barmherzigkeit. Wer Gott nacheifern und ihn nachahmen will, versuche es also damit, barmherzig zu sein.

Schon die Rabbinen sehen im wohlwollenden und barmherzigen Handeln dem Nächsten gegenüber den Weg, Gott nachzufolgen. Menschen sollten nicht richten – mit Ausnahme der Richter und Gerichte, sondern Barmherzigkeit walten lassen. Wenn sich Menschen zum Richter über andere aufschwingen, den Mitmenschen Etiketten aufdrücken oder einfach nur ihr Dasein missbilligen, geht das am Willen Gottes vorbei. Lukas sieht das ganz ähnlich wie die jüdische Tradition und lässt wahrscheinlich auch deshalb dem Appell Jesu, barmherzig zu sein, unmittelbar das Verbot zu richten folgen.

 

Alles verstehen heißt alles verzeihen – könnte dieses geflügelte Wort eine sachgerechte Aufnahme der diesjährigen Losung sein? Ja – und nein.

Ja, weil im Verstehen des anderen die wesentliche Grundlage liegt, nicht herz- und lieblos an den Mitmenschen vorüberzugehen.

Und nein, weil Jesus ja uns anspricht. Seine Jünger und Jüngerinnen. Menschen, die ihm nachfolgen wollen.  Und weil Jesus ausdrücklich den Bezug zu Gott herstellt.

Mit anderen Worten: Es geht nicht um eine allgemeine Weisheit, die genauso wahr wie falsch sein kann, sondern um ein aktives Tun von Menschen, die sich in der Nachfolge Jesu wissen, und die mit ihrem Tun Gott entsprechen wollen.

 

Gott ist barmherzig – deshalb „werdet barmherzig“, wie man den Imperativ in Lk 6, 36 auch übersetzen könnte. „Werdet“, weil es immer wieder in den konkreten Bewährungssituationen des Alltags darauf ankommt, Barmherzigkeit walten zu lassen – und das umschließt das Mitleid genauso wie das Erbarmen für ein lebendiges Wesen.

Dass das nicht selbstverständlich ist, versteht sich fast von selbst. Umso wichtiger ist deshalb die Erinnerung an Gottes Barmherzigkeit. Er erbarmt sich unser. Nur deshalb gibt es die Hoffnung auf einen neuen Anfang – jenseits unserer Schuld und unseres Versagens.

 

„Wir werden viel verzeihen müssen“ – das ist ein Satz, der nicht nur für die Pandemie gilt, sondern auch ein Lebensprogramm umreißt. Das allerdings wird nur gelingen können, wenn wir aus anderen Quellen schöpfen als den eigenen seelischen und geistigen Kräften. Sich anrühren lassen, sich immer wieder erschüttern und in Frage stellen zu lassen, ist der Weg, der uns mit Gott selbst verbindet. Ich vermute, es wird ein spannendes Jahr werden. Dafür und für alles, was uns auf unseren Wegen begegnen wird, wünsche ich Ihnen von Herzen alles Gute und Gottes Segen!

Ihre Gabriele Wulz
Prälatin der Württembergischen Landeskirche, Ulm